Hoffnungsblicke – Impulse zum Lesen und Hören

Dieser Artikel wurde am 20. März 2020 veröffentlicht.

Ab sofort wird hier in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder ein neuer Podcast zu hören sein.

Folge 11: Gesegnet

Ein Wüstentag.

Die Sterne funkeln noch am Himmel aber langsam färbt sich der Horizon in ein helles rosa. Bald wird die Sonne aufgehen. Man hört Stimmengewirr hinter verschiedenen Zeltwänden. Es duftet nach offenem Feuer. Noch ist es kalt aber schon bald – im Laufe des Tages – wird es wieder unerträglich heiß werden… Die ersten Menschen kommen aus ihren Zelten und langsam regt sich Leben im Lager. Gepäck wird auf Dromedare gepackt, die Schafe werden zusammengetrieben, Kinder laufen aufgeregt hin und her. Ein neuer Wüstentag beginnt.

Jahrelang ist das Volk Israel nun schon in der Wüste unterwegs. Ägypten liegt hinter ihnen. Kanaan – das Land der Verheißung – noch vor ihnen. Und diese Zeit dazwischen ist eine unglaublich anstrengende und kräftezehrende Zeit. Es ist nicht leicht, hier in der Wüste zu überleben, in diesem trockenen und kargen Gelände. Nichts als Sand und Steine, wohin das Auge blickt.

Mose zieht zwar mit ihnen, aber das verheißene Land Kanaan – ein Land, in dem Milch und  Honig fließen soll und in dem das Volk Israel ein neues Zuhause finden soll – liegt noch weit vor ihnen…Am Schlimmsten ist die Ungewissheit – wo geht es morgen hin? Wovon leben wir? Werden wir diese Dürrezeiten und Durststrecken durchstehen? Haben wir eine Zukunft oder werden wir es nie aus der Wüste in die verheißene Zukunft schaffen?

Mitten hinein in diese Situation spricht Gott die Worte unseres Predigttextes. Mitten hinein in die trostlose Wüste. Ich lese den Predigttext aus dem 6. Kapitel des Buches Numeri:

22 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich:

So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der HERR segne dich und behüte dich;

25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;

26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Gott spricht in dieser anstrengenden Wüstensituation zu Mose seinen Segen, den er an seinen Bruder Aaron – den ersten Hohepriester – weitergeben soll. Dieser Segen soll dem Volk Israel fortan von den Priestern zugesprochen werden und er wird uns auch heute immer noch zugesprochen. Die uralten Worte sind uns vertraut, wir hören sie am Ende eines jeden evangelischen Gottesdienstes.

Dass uns der sogenannte „Aaronitischen Segen“ am Ende des Gottesdienstes zugesprochen wird, verdanken wir übrigens Martin Luther. Er hat dafür gesorgt, dass diese Segensworte aus dem Alten Testament Einzug halten in den Evangelischen Gottesdienst.

Die Worte „Gott segne dich und behüte dich“ sind uns vertraut, aber es ist spannend, sich diese Worte einmal genauer anzuschauen. Denn es heißt  ja nicht „Gott segnet dich“ (das wäre der Indikativ). Wir sprechen auch nicht „Gott wird dich segnen“ (im Futur) und auch sprechen wir nicht „Gott möge dich segnen“ (also der Optativ). Nein, es heißt „Gott segne dich“.

Im Althebräischen ist dort eine Verbform gewählt, die besonders ist: Der Iussiv. Es ist eine Art Befehlsform, wir finden sie z.B. auch in der Schöpfungsgeschichte, wenn Gott spricht: „Es werde Licht!“ Da spricht Gott ja auch nicht „Es wird Licht“, oder „Es möge Licht werden“. Und genau diese Befehlsform finden wir auch an dieser Stelle im Predigttext. Gott befiehlt sich quasi selbst, die Menschen zu segnen.

Und der HERR redete mit Mose und sprach: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich;

Der Segen ist also kein Wunsch, der vielleicht, vielleicht auch nicht, in Erfüllung geht. Der Segen ist eine ganz konkrete Zusage, ein Versprechen, das von der Gegenwart in die Zukunft reicht. Im Segen werden Gegenwart und Zukunft verheißungsvoll umschlossen.

Ich denke, Wüstensituationen und Wüstenerfahrungen kennen wir alle auch aus unserem Leben. Wahrscheinlich hat sie jeder von uns schon durchschritten diese Gegenden, in denen alles so fern scheint vom Segen. Wo der Staub den Blick trübt und man nicht mehr aufblicken kann zum Himmel. Durststrecken. Dürrezeiten. Was war oder ist eine solche Wüstenzeit für Sie?

Gab es Zeiten in ihrem Leben, in denen Sie – genau wie es das Volk Israel erlebt hat – eine lange Zeit durch eine Wüste gewandert sind? Durch trostloses, lebensunfreundliches Gelände? Weit und breit nur Steine, Sand und Ungewissheit? Ohne Pflanzen, ohne Hoffnung. Dazwischen eine blühende Oase, die sich aber als Fata Morgana entpuppt? Die Zukunft ungewiss, das Land der Verheißung noch nicht erreicht, immer auf dem Weg, vielleicht alleine, vielleicht mit Weggefährten.

Und gerade in diesen Zeiten ist der Segen eine Zusage Gottes, die Kraft gibt, stärkt und hoffen lässt. Ich denke, nicht ohne Grund hat der heutige Predigttext, der gleichzeitig so wunderschön und verheißungsvoll ist, seinen Ort mitten in einer Wüstensituation. Gerade dort ist der Segen wie eine Art Durstlöscher, wie eine Zusage, die trägt:

Gott segne dich und behüte dich.

Gott lasse leuchten das Angesicht über dir und sei dir gnädig.

Gott erhebe das Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.

Kennen Sie sie auch? Die selbstgemachten Wüsten? Manchmal bin ich es selbst, die mein Leben zu einer Wüste macht. Wenn ich denke, dass ich alles alleine schaffe, keine Hilfe brauche. Dass ich alles selbst wunderbar organisieren und regeln kann. Und dabei natürlich möglichst perfekt, ohne Fehler. Und dann merke ich, wie meine Schultern schwer werden und der Druck mich nach unten zieht. Dann spüre ich, wie mir die Puste ausgeht, dass ich um mich nur noch Steine und Sand sehe und mich nach der Ruhe und dem Schatten einer Oase sehne. Unterstützung anzunehmen, Dinge abzugeben, das ist manchmal gar nicht so leicht. Sich einzugestehen, dass man nicht alles so schafft, wie geplant, dass man nun mal nicht perfekt ist, ist ebenfalls nicht so leicht. Vielleicht kennen Sie das ebenfalls? Und auch in diese selbstgemachte Wüste spricht der Segen Gottes. Und er macht mir immer wieder eine Sache ganz deutlich:

Nicht ich bin es, die mein Leben in der Hand hat, die alles bestimmt und regeln könnte. Segen ist ein Ort größtmöglicher Passivität! In einer Gesellschaft, in der einem suggeriert wird, dass man alles aus sich selbst heraus schaffen kann – wenn man sich nur genug anstrengt – und dass man alles in der Hand hat, ist der Segen eine Art Gegengewicht. Wir können uns den Segen nicht selbst zusprechen. Nicht wir segnen uns selbst, sondern Gott segnet uns und der Segen wird uns zugesprochen. Dafür müssen wir nichts tun, wir dürfen einfach nur da sein und den Segen empfangen. Uns segnen lassen.

In der Ausbildung im Vikariat haben wir segnen gelernt. Das klingt vielleicht erstmal komisch, aber ich weiß noch, wie wir einen ganzen Vormittag (alle im Talar) das Segnen geübt haben. Dabei sollten wir uns zuerst gut hinstellen, mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. Und dann nicht sofort die Arme heben, sondern erstmal warten… Warten, bis wir sie spüren. Die Kraft in unserem Rücken, die dann im Segen durch uns hindurchfließt. Denn nicht ich segne Sie als Gemeinde, sondern Gott segnet Sie durch mich hindurch!

Interessant finde ich, dass sich Gottes Segen dabei ausdrücklich an ein „du“, nicht an ein „euch“ richtet. Es ist ein sehr persönlicher, fast intimer Moment zwischen Gott und dem einzelnen Menschen. Du wirst gesegnet, nicht irgendwer – du!

im Segen wird uns verheißen, dass Gottes Angesicht über uns leuchten werde. Ehrlich gesagt konnte ich mit der Aussage: „der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“ lange Zeit nicht wirklich etwas anfangen. Was bedeutet das Leuchten über mir? Wer oder was leuchtet? Die Formulierung „das Angesicht leuchtet“, wurde damals im alten Israel oft verwendet. Sie sagt aus, dass man jemanden freundlich anschaut. Wir würden heute vielleicht statt „leuchten“ „anstrahlen“ sagen, z.B. wenn kleine Säuglinge ihre Eltern mit ihrem zahnlosen Mund anstrahlen. Wenn jemand über das ganze Gesicht strahlt. Damit ist eine liebevolle Zuwendung Gottes gemeint. Gott ist nicht in weiter Ferne, nicht irgendwo versteckt, sondern direkt über uns. Gottes Angesicht leuchtet über uns, er strahlt uns an, er sieht uns an. So wie wir sind. Mit unseren Fehlern und Macken. Unseren liebenswerten Eigenschaften und all dem, was uns einzigartig macht. Wir sind gesehen. Verstanden. Gesegnet.

Amen.

Folge 10: Abschiede

Wussten Sie, dass man sich im Laufe des Lebens einige Male von seinem Körper verabschiedet? Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich der Körper alle sieben Jahre völlig neu bildet. Die Zellen erneuern sich ja ständig und irgendwann sind alle Zellen des Körpers – und damit der gesamte Körper ein neuer Körper! Und so nehmen wir immer wieder im Laufe unsere Lebens Abschied von unserem Körper, unserem faltenfreien Gesicht. Unseren starken straffen Armen, unseren naturblonden Haaren. Das merken wir oft erst, wenn wir alte Fotos von uns anschauen. Ach waren wir da noch jung…  Schau mal, wie wir da ausgesehen haben! Ein ganz anderer Mensch. Die Haare viel heller, die Gesichtszüge weicher, das Lächeln eine Spur breiter, vielleicht naiver? Ein Abschied auf Raten?

Abschied nehmen ist nicht einfach. Das kennen wir alle. Abschied nehmen von der Kindheit, ausziehen von zuhause. Abschied nehmen von alten Freunden, der Umzug in eine neue Stadt. Abschied nehmen von der alten Wohnung, der Küche mit dem gemütlichen Ecksofa. Ein letztes Mal eine Tasse Roibosch Vanille Tee darauf trinken. Abschied von einem geliebten Menschen, der Abschied am Grab, mit der bloßen Hand Erde auf den Sarg werfen. Abschied mit Tränen und Taschentüchern und einem Loch im Herzen.

Gerade in den letzten Wochen hat das Thema „Abschied“ eine ganz besondere Relevanz bekommen, wie ich finde. Eine Freundin von mir aus Studienzeiten, sie ist Halbitalienerin, hat zu Weihnachten das letzte Mal ihre alleinstehende 76 jährige Mutter in Italien besucht. Und sie hat mir erzählt, dass sie nicht weiß, ob der Abschied am Flughafen in Bergamo womöglich ein Abschied für immer war? Sie will so etwas gar nicht denken, aber in dieser Zeit ist es auch nicht völlig unwahrscheinlich.

Abschied nehmen ist nicht leicht, man lässt etwas zurück. Oft etwas sehr Liebgewonnenes, Vertrautes. Abschied nehmen ist ein Zurückschauen. Auf das, was war. Das was gut war und das, was nicht so gut war. Auf die Momente, in denen gelacht wurde, getanzt, gehofft und gebetet…

Das Evangelium für den heutigen Sonntag aus dem 16. Kapitel des Johannesevangeliums, beschreibt ebenfalls einen Abschied. Dafür müssen wir gedanklich wieder ein Stück zurückgehen, in die Zeit vor Himmelfahrt und sogar vor Ostern. Jesus sitzt mit seinen Jüngern zusammen und bereitet sie auf die Zeit vor, in der er (nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt) nicht mehr bei ihnen sein wird. Also quasi auf genau die Zeit, in der wir alle heute leben.

Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Jesus sitzt mit seinen Jüngern, seinen Vertrauten, seinen Weggefährten zusammen (vielleicht um einen Tisch herum beim gemeinsamen Essen). Es liegt eine unglaublich intensive Zeit hinter ihnen. Sie haben zusammen gelacht, gehofft und gebetet. Jesus erklärt ihnen, dass er bald zu Gott gehen wird, zu seinem Vater, der ihn gesandt hat, und dass die Jünger ihn dann nicht mehr sehen werden. Der Abschied rückt näher. Man kann sich vorstellen, dass das für die Jünger nicht leicht gewesen sein muss. Was sollen sie tun, wenn Jesus weg ist? Wer werden sie sein, wenn er nicht mehr in ihrer Mitte ist? Wie wird es weitergehen? Es herrscht eine gedrückte Stimmung. Der Abschied liegt schon in der Luft, ist schon zum Greifen nahe. Jesus spürt, wie traurig die Jünger sind. Er spricht das aus, was in der Luft liegt, was deutlich zu spüren ist: „Euer Herz ist voll Trauer.“ Und schließlich sagt Jesus einen Satz, den ich bemerkenswert finde. Er spricht zu den Jüngern: Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.“ (Joh 16,12) Es gäbe noch so viel zu erzählen, so vieles, auf das die Jünger vorbereitet werden sollten, so viele Zusammenhänge zu begreifen. Aber Jesus merkt, dass sie all das schlicht nicht mehr aushalten könnten. Hier zeigt sich ein unglaublich empathischer Jesus, der mitfühlt, der Verständnis hat. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass an keiner Stelle davon die Rede ist, dass auch Jesus traurig ist und dass auch ihm der Abschied schwerfällt. Das ist aber vielleicht „typisch johanneisch“, denn im Johannesevangelium werden die Gefühle Jesu nicht groß thematisiert und beschrieben.

Oft ist ein Abschied gleichzeitig auch ein Neuanfang. Wir haben Hermann Hesse im Ohr, der in seinem Gedicht „Stufen“ schreibt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Haben Sie in Ihrem Leben einen Abschied und gleichzeitigen Neuanfang schon einmal ganz bewusst erlebt? Haben Sie diesen „Zauber“, von dem Hesse schreibt, schon einmal gespürt? Das sind die Abschiede, bei denen man mit einem weinenden und einem lachenden Auge Abschied nimmt. Etwas Altes vergeht, eine Tür schließt sich. Und etwas Neus beginnt, eine neue Tür öffnet sich. Im selben Augenblick. Und dieser eine Moment  – zwischen den beiden Türen, auf der Schwelle  – ist ein unglaublich intensiver Moment.

Auch im Predigttext ist der Abschied für die Jünger gleichzeitig ein Neuanfang. Denn Jesus kann nicht für immer bei ihnen auf der Erde bleiben, er muss zurückgehen zu Gott. Er macht ihnen ganz deutlich: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden.“ (Joh 16,7)

Jesus lässt sie nicht alleine, er verspricht, ihnen den Geist zu schicken. Anders als z.B. im Lukasevangelium wird der Geist hier ausdrücklich als „Tröster“ bezeichnet. Und Jesus nennt ihn auch den „Geist der Wahrheit“, der die Jünger in der Wahrheit leiten wird. Nächsten Sonntag feiern wir Pfingsten. Da kommt dieser versprochene und angekündigte Geist auf die Jünger. Und genau dieser Geist, ist immer noch bei uns. Jesus verspricht damit auch uns heute: Ich lasse euch nicht allein. Ihr bleibt mit mir durch den Geist verbunden – auch 2000 Jahre später. Der Geist, den Jesus den Jüngern damals versprochen hat, ist auch unser Tröster heute – gerade in diesen schwierigen Zeiten, unser Beistand in einer Welt, die so oft chaotisch ist, unser Geist der Wahrheit inmitten des Dschungels von FakeNews und Halbwahrheiten. Der Abschied von seinen Jüngern ist also notwendig, damit es weitergehen kann, damit die ersten Gemeinden entstehen und sich das Christentum auf der ganzen Welt ausbreiten kann. Der Geist ist eine Kraft, die eine Weiterentwicklung, einen Neuanfang anstößt. „Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.“ In der Runde der Jünger und Jesus um einen Tisch beim gemeinsamen Essen klingen diese Worte für die Jünger zwar vielleicht inhaltlich plausibel, aber der nahe Abschied ist für sie trotzdem unglaublich traurig und emotional.

Abschied nehmen ist nicht leicht, man lässt etwas zurück. Oft etwas sehr Liebgewonnenes, Vertrautes. Abschiednehmen ist ein Zurückschauen. Auf das, was war. Das was gut war und das was nicht so gut war, auf die Momente, in denen gelacht wurde, getanzt, gehofft und gebetet. Und Abschied nehmen ist gleichzeitig auch ein nach vorne schauen. In eine Zukunft, die wir oft nur erahnen und als Schatten am Horizont sehen können… Und dann gibt es die Abschiede, bei denen man schon mitten im Abschied weiß (oder zumindest hofft), dass es ein Wiedersehen geben wird. Mir persönlich macht die Hoffnung auf ein Wiedersehen den Abschied leichter, erträglicher…

Und auch im Johannesevangelium bleibt es nicht bei der Abschiedstrauer und dem Schmerz, sondern es folgt die Hoffnung auf ein Wiedersehen… Nur kurze Zeit später verspricht Jesus den Jüngern: „Aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ (Joh 16,22) So übersetzt es zumindest die Lutherbibel. Wenn man aber in den altgriechischen Urtext schaut, dann steht da nicht explizit „ich will euch wiedersehen“, sondern „ich werde euch sehen!“ Es ist ein Sehen, ein Erkennen. Und es ist eine ganz konkrete Aussage in der Zukunft, kein vielleicht, kein wenn,….dann. Nein „ich werde euch sehen!“

Und wir, wir werden ihn sehen.

Wenn es so weit ist, am Tag der Tage,

wann auch immer es für uns soweit sein mag.

Dann werden wir ihn sehen.

Erkennen.

Verstehen.

Jetzt, in dieser Welt, sehen wir nur ein verschwommenes Bild,

wie durch einen Spiegel.

Bruchstückhaft.

Schatten, die in unser Leben tanzen.

Wir spüren es, erahnen es.

Dann werden wir ihn sehen.

Von Angesicht zu Angesicht.

So wie wir sind.

Ohne schützenden Panzer. Ohne Maske.

Von Angesicht zu Angesicht.

Echt, ehrlich, bis in die Tiefen unserer Seele.

Wirklich Gesehen.

Wirklich Verstanden.

Und dann werden wir erkennen,

wie wir erkannt sind.

Amen.

Folge 9: Brüche und Risse im Leben

Die Sommerzeit steht vor der Tür. Die Temperaturen steigen und der Flieder blüht. Durch die Corona-Krise ist der Sommer in diesem Jahr für uns alle ganz anders als geplant und erwartet. Es war und ist noch immer keine einfache Zeit. Eine Zeit voller Herausforderungen.

Wenn wir auf unser bisheriges Leben schauen, dann gibt es da ganz bestimmt bei jedem von uns schöne, harmonische und glückliche Phasen. Aber ebenso sind da auch die dunklen Zeiten im Leben, die wir am liebsten ausklammern oder vergessen würden.

Der Theologe Henning Luther hat die Formulierung „Leben als Fragment“ geprägt: Unser Leben ist nicht nur schön, harmonisch und glatt. Auch wenn wir Menschen uns vielleicht danach sehnen. Vielmehr gehören Brüche zum Leben dazu. Zerbrochene Hoffnungen, erlittene Verletzungen und verspielte Chancen sind ebenfalls Teil des Lebens. Unser Leben besteht aus Wegen, die nicht bis zum Schluss gegangen wurden und Türen, die sich nicht mehr öffnen lassen.

Ein Fragment ist – nach Henning Luther – ein nicht gelungener Lebensabschnitt, eine schmerzliche Erfahrung. Das drückt schon die Herkunft des Wortes „Fragment“ aus; das lateinische Verb „frangere“ bedeutet „brechen“.

In unserer Gesellschaft ist die Suche nach Ganzheitlichkeit, nach äußerer Perfektion Trend. Wer das Leben aber als Fragment versteht, nimmt es als Bruchstück eines Ganzen. Es ist tröstlich zu wissen, nicht vollkommen sein zu müssen und sich vom Mythos der Ganzheit und der Perfektion zu verabschieden. Wir können mit der eigenen Brüchigkeit unserer Schwächen leben. Gott kennt all unsere Risse und Verletzungen, all unsere Narben, die das Leben uns zugefügt hat.

Wir alle sind – nach Henning Luther – immer auch „Ruinen unserer Vergangenheit, Fragmente verronnener Lebenschancen“. Gleichzeitig aber auch „Fragmente aus Zukunft“, die über sich hinausweisen auf etwas noch nicht Erfülltes, etwas zukünftig Mögliches weisen. Im noch Unvollendeten lässt sich bereits etwas vom Ganzen erahnen.

Der Sänger Leonhard Cohen beendet in einem Lied seinen Refrain mit den Zeilen: „Es ist ein Riss in allen Dingen, aber genauso kommt das Licht herein.“ Durch die Risse unseres Lebens kann ganz plötzlich und unerwartet etwas vom Osterlicht hineinfallen.

Der Apostel Paulus gebraucht im 1. Korintherbrief anstatt des Wortes „Fragment“ den Ausdruck „Stückwerk“: „Unser Wissen ist Stückwerk und unser Weissagen ist Stückwerk“. (1 Kor 13,9) Letztlich ist und bleibt unser ganzes Leben immer nur Stückwerk.

In Japan gibt es bereits seit dem 16. Jahrhundert eine ganz besondere Tradition, die den Namen „Kintsugi“ trägt. Wenn eine Schale oder ein anderes Gefäß zerbricht, dann verliert es nicht an Wert oder wird weggeworfen. Mit einem ganz speziellen Goldlack werden die einzelnen Risse und Bruchstücke wieder zusammengesetzt. Die Bruchstellen werden dabei nicht möglichst unsichtbar wieder zusammengeklebt, sondern bleiben gut sichtbar erhalten. Gerade durch diese mit Goldlack hervorgehobenen Brüche, gerade durch die Risse und vermeintlichen Makel wird die Schale einzigartig und zu etwas ganz Besonderem. Sie erhält ein einzigartiges Muster, das viel wichtiger ist als Makellosigkeit.

Jemand anders fügt unser Leben neu zusammen und das daraus Entstehende ist „mehr“ als die Summe der Bruchteile! Es ist unser einmaliges Leben. Für Gott sind wir das: Unheimlich wertvoll und einzigartig mit all unseren Bruchstellen und Rissen. Oder vielleicht auch gerade deshalb.

Amen.

Folge 8: Kraftquellen

An manchen Tagen fühle ich mich kraftlos und müde, ausgelaugt und erschöpft. Nichts scheint zu gelingen und die Kraft ist aufgebraucht. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl ebenfalls? Manchmal fühle ich mich, als ob mein Akku konstant niedrig ist, aber ein Berg voller Aufgaben und To Do´s vor mir liegt. Und ich nicht weiß, wie ich das schaffen soll. Woher ich die Kraft nehmen soll?

Ich höre das gerade jetzt in diesen Corona-Zeiten von vielen meiner Freundinnen oder auch aus dem Bekanntenkreis: Viele sind ausgelaugt, gehen auf dem Zahnfleisch schon seit Wochen. Da muss der Job im Homeoffice erledigt werden, aber die Kinder müssen und wollen natürlich auch betreut und bespaßt werden. Die Kräfte sind oft weg und es bleibt kaum eine ruhige Minute für sich selbst. Vielleicht haben Sie in solchen Zeiten gemerkt, was ihnen (gerade dann) guttut, um ihren Akku wieder aufzuladen? Um Kraft zu bekommen? Für die einen ist es vielleicht ein langer Spaziergang in der Natur, die anderen machen Sport, wieder andere legen sich auf die Couch und hören Hörbuch oder liegen draußen im Liegestuhl und schauen in die Wolken. Was tut Ihnen gut?

Der Predigttext für diesen Sonntag aus dem 15. Kapitel des Johannesevangeliums beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema „Kraftquellen“, aber auf eine ganz andere, sehr bildhafte Art und Weise.

Dazu muss man wissen, dass in Israel zur Zeit Jesu der Weinanbau eine unheimlich große Rolle spielte. Die Weinreben (damals und auch heute noch) bildeten über die Jahrzehnte und Jahrhunderte tiefe Wurzeln im steinigen Boden. Oft dauert es Jahre, bis der Weinstock die ersten Reben trägt. Aber unter Umständen kann so ein Weinstock über Jahrhunderte Frucht tragen. Als mein Mann und ich in Mainz studiert haben, haben wir manchmal Weinwanderungen durch die Weinberge gemacht. Ich (als Nordlicht) fand es unglaublich faszinierend, wie viele Weinreben an diesen auf den ersten Blick kleinen und knorrigen Weinstöcken hängen. Jesus veranschaulicht den Jüngern etwas ganz Wichtiges. Und er nutzt dafür ein Beispiel, dass damals allen Menschen in Israel bekannt war: Der Weinstock und die Weinreben. Er spricht zu ihnen diese Worte:

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. […] Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. (Joh 15,1; 4-5)

Ich finde dieses Bild so eindrücklich: Wir sind unmittelbar mit Gott verbunden, tief verwurzelt. Wir können nicht aus uns selbst Frucht heraus bringen, sondern nur, weil wir am Weinstock hängen, weil wir mit Gott verbunden sind. Aus ihm schöpfen wir Kraft. Aus dem Weinstock werden die Weinreben genährt und mit Flüssigkeit und Lebenskraft versorgt. Nur in diesem Zusammenspiel können die Reben existieren und Früchte tragen.

Das bedeutet für mich dreierlei:

  1. Wenn ich müde und ausgelaugt bin, tröstet es mich, zu wissen, dass ich tief mit und in Gott verwurzelt bin und aus ihm heraus immer wieder neue Kraft erhalte. Gott ist wie eine Kraftquelle, die uns nährt und mit Lebenskraft versorgt. Ganz ohne, dass wir irgendetwas dafür tun müssten. Die Reben am Weinstock werden durch die Wurzeln versorgt, einfach so, ohne dass sie bestimmte Voraussetzungen dafür erfüllen müssen. Vielleicht haben Sie ja auch schon die Erfahrung gemacht, dass, obwohl Sie eigentlich überhaupt keine Kraft mehr haben, ihnen plötzlich Kraft zuströmt? Im Vater Unser beten wir: Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Gott ist unsere Kraftquelle und wir können uns darauf verlassen, dass wir durch ihn neue Kraft erhalten, wie die Reben durch den Weinstock.
  2. Die Zusage, dass Gott unser Weinstock ist und wir die Reben, die durch ihn mit Lebenskraft erfüllt werden, kann uns den Druck nehmen, immer und in allen Situationen aus uns selbst heraus Kraft schöpfen zu müssen. Die Rebe kann aus sich selbst heraus keine Frucht bringen. Alles, was uns ausmacht, alles, was wir auch anderen Menschen weitergeben, sind wir nicht aus uns selbst heraus, sondern durch Gott, der uns gemacht hat. Der Apostel Paulus fasst das im 1.Korintherbrief folgendermaßen in Worte: Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Manchmal komme ich in meinem Beruf in Situationen z.B. im Krankenzimmer, in dem ein Mensch im Sterben liegt. Und ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll und welche Situation mich dort im Krankenhaus, in dem Zimmer, erwartet. Aber ich kann darauf vertrauen, dass quasi durch mich hindurch eine Kraft fließt, mir die richtigen Worte schon einfallen werden und ich das Krankenzimmer nicht alleine betrete.
  3. Ich merke, dass mein Akku vor allem in stressigen Zeiten nicht alleine durch ausreichend Schlaf oder Pausen aufgeladen wird. Ja, mein körperlicher Akku vielleicht. Aber auch mein „spiritueller Akku“ muss immer wieder aufgeladen werden. Besonders in Durststrecken. Und das kann ich mitten im Gebet, oder in der Stille der Natur, oder in der Gemeinschaft im Gottesdienst. Wie laden Sie Ihren „spirituellen Akku“ auf?

Wir sind unmittelbar mit Gott verbunden, tief verwurzelt. Gott gibt uns die Kraft, die wir brauchen, um unseren Alltag zu meistern, um anderen Leuten beizustehen, um Berge zu erklimmen. Wir müssen nur darauf vertrauen: Nicht aus uns selbst, sondern aus Gott sind wir, was wir sind.

Amen.

Folge 7: Stürmische Zeiten

Stürmische Zeiten sind es momentan für uns alle. Wir brauchen einen langen Atem und viel Geduld. Und ich merke es an mir selbst, dass ich innerlich langsam unruhig werde. Mich nach Normalität sehne. Noch immer ist das Coronavirus präsent. Jeden Morgen sehe ich in meiner Tagesschau-App die neuen Infektions- und Todeszahlen. Es nimmt einfach kein Ende… Stürmische Zeiten sind es momentan. Und der Sturm, der so plötzlich seit März angefangen hat, hier bei uns zu wüten, scheint noch immer nicht abflauen zu wollen. Mal scheint es etwas windstiller zu werden, Lockerungen sind in Sicht. Aber im Hintergrund lauert immer noch die Angst, dass der Sturm mit aller Härte und Heftigkeit wieder anfängt, zu toben.

Und wir alle sind mittendrin in diesem Sturm. Auf unserem Boot, das aus unserem Leben, unserem Alltag besteht und in dem zurzeit nur eine stark begrenzte Anzahl von Menschen Platz hat. Viele sind in diesen Zeiten auch ganz allein in ihrem Boot unterwegs und werden vom Sturm heftig hin und hergeworfen. Viele haben auch das Gefühl, es langsam nicht mehr aushalten zu können: Das Tosen der täglichen Berichterstattung über das Virus. Das Brausen immer neuer Vorschriften und Einschränkungen. Die Wellen der Angst, die schon ins Boot schwappen und die unheimliche Stille und Einsamkeit im leeren Wohnzimmer.

Das Markusevangelium erzählt auch von einem solchen schweren Sturm. Jesus und seine Jünger fahren abends, als es schon dunkel wird, mit einem Fischerboot auf den See Genezareth (in Israel) hinaus. Plötzlich wird der Himmel schwarz und ein Sturm beginnt, zu toben. Die Wellen schlagen ins Boot und das Boot tanzt wie eine Nussschale auf den Wellen hin und her und ist ihnen hilflos ausgeliefert. Immer mehr Wasser strömt ins Bootsinnere und es ist nur noch eine Frage von Minuten, wann das Boot untergehen wird.

Die Jünger sind verzweifelt, versuchen, das Wasser aus dem Boot zu schippen und erwarten von Jesus, dass er mithilft. Dass er einschreitet in dieser Notlage. Dass er irgendetwas tut! Dass er aktiv wird. Aber stattdessen finden sie ihn im vorderen Bootsteil, wo er seelenruhig schläft. Unfassbar! Wieso unternimmt er nichts? Wie kann er da so friedlich schlafen in diesem Chaos? Wie kann er den Untergang so einfach hinnehmen? Das sind die Gedanken der Jünger.

Gott ist anders, als wir Menschen ihn uns vorstellen. Gott handelt anders, als wir es von ihm vielleicht erwarten. So vieles verstehen wir nicht und werden wir vielleicht auch nie verstehen. Gott lässt sich von uns Menschen nicht in menschliche Prinzipien und Maßstäbe und Raster hineinpressen. Vielmehr ist es unser Verstand, unsere Logik, unsere menschlichen Sinne, die so stark begrenzt sind.

Wo ist Gott in diesem Sturm, der momentan auf der Welt tobt? Wieso schreitet er nicht ein? Schläft er etwa?

Die Geschichte im Markusevangelium geht weiter. Jesus wird wach von den lauten Weck-Rufen der Jünger. Er steht auf und geht an den Rand des Bootes. Dort schreit er gegen den Wind und die Wellen: „Schweig! Verstumme!“ Und in dieser Sekunde wird es augenblicklich still und die Wasseroberfläche spiegelglatt.

Gott ist größer und mächtiger als jeder Sturm, jede Pandemie, jede Krise. Größer und mächtiger sogar als der Tod. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen führen. Das heißt aber längst nicht, dass wir sein Handeln verstehen, nachvollziehen können, dass es nach unserem Ermessen „logisch“ ist.

Was mich gerade in diesen stürmischen Zeiten tröstet (und was mich auch in vielen vorherigen Lebensstürmen getröstet hat) ist eine ganz zentrale Verheißung der Geschichte: Egal in welchen Sturm du mit deinem Lebensboot hineingeraten bist und egal, wie heftig dieser Sturm tobt, wieviel Wasser auch ins Boot kommt: Du sitzt nicht alleine in deinem Boot. Gott ist mit dir im Boot. Mitten im Sturm. Mitten im Chaos. Mitten in der Angst. Auch wenn du ihn nicht siehst, auch wenn er scheinbar schläft. Gott lässt dich im Sturm nicht alleine. Niemals.

Amen.

Folge 6: Hebt eure Augen in die Höhe und seht!

Die Ostertage liegen schon wieder hinter uns. Es war für uns alle ein anderes Osterfest jetzt in der Corona-Zeit. Und mit Spannung und Hoffnung erwarten wir, wie es weitergeht, wie die nächsten Schritte sein werden. Ein Ende der Corona-Pandemie ist immer noch ungewiss…

Der Predigttext für diesen Sonntag aus dem Jesaja-Buch passt genau in diese Zeit der Ungewissheit, in der man langsam unruhig wird, sich nach Normalität sehnt…. Er beginnt mit dem Aufruf „Hebt eure Augen in die Höhe und seht!“ (Jes 40,26) Der Text ist alt, vor über 2500 Jahren wurde er verfasst. Damals war es keine einfache Zeit für die Menschen in Juda. Ihr Königreich mit der Hauptstadt Jerusalem wurde durch die Babylonier, der damals aufstrebenden Großmacht, eingenommen. Die Bevölkerung wurde nach Babylon, der sagenumwobenen Hauptstadt Babyloniens deportiert und musste dort, in dieser fremden Stadt im Exil leben. Über 1000 km entfernt von zu Hause. Von einem Tag auf den anderen mussten die Menschen alles verlassen, was sie liebhatten. Ihr Haus, ihren Tempel in Jerusalem, ihr Land. In Babylon, der fremden Großstadt wurden sie neu angesiedelt. Auch wenn ihnen ihr zu Hause genommen wurde, ihre Identität und ihre Religion konnten die Babylonier ihnen nicht nehmen.

Zwar ging es den Judäern wirtschaftlich nicht schlecht (das belegen außerbiblische Texte aus der Zeit), trotzdem war das Exil ein einschneidendes Erlebnis. Stellen Sie sich vor, sie würden von einem Tag auf den anderen losziehen müssen in ein fremdes Land – nur mit den nötigsten Dingen bepackt – und dann in einer fremden Stadt wohnen, in der Sie die Sprache nicht sprechen. Es ist eine Herausforderung für alle. Aber – was ich ganz spannend und faszinierend finde – genau diese schwierige Zeit ist für die Religion besonders prägend: In ihr entstehen viele wichtige biblische Texte und in dieser schwierigen Zeit entsteht auch unser Predigttext aus dem Jesajabuch. In der Fremde schafft und bewahrt man sich die eigene Identität.

Jesaja versucht, die Menschen aufzumuntern, ihnen in dieser angespannten Lage Kraft zu geben. Er schreibt: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? […] aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler. (Jes 40, 26.31)

Es ist für die Judäer damals in Babylon eine Ausnahme-Situation, die leider nicht nur wenige Wochen oder Monate andauerte, sondern ungefähr 50 Jahre! 50 Jahre, das war damals ein Menschenleben. Und als der Text geschrieben wurde, war noch nicht abzusehen, wie sich die Lage entwickeln würde und ob die Menschen je wieder nach Hause kommen würden. Tatsächlich geschah dies einige Jahre später wirklich. Die Menschen durften zurück nach Juda und die Zeit des Exils war vorbei.

Natürlich ist die Situation damals mit heute nicht zu vergleichen. Aber trotzdem finde ich, dass dieser Text, der den Menschen damals in dieser schwierigen und angespannten Lage Mut machen sollte, auch uns heute immer noch Mut machen kann. Auch unsere Situation ist herausfordernd und noch ist kein Ende der Corona-Pandemie abzusehen.

Mich spricht der Text an. In vielerlei Hinsicht:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht!

Seit den letzten Wochen ärgere ich mich oft über viele Dinge. Ich bin enttäuscht, dass dies oder jenes nicht stattfinden kann wie geplant. Dass wichtige Termine und Ereignisse verschoben werden müssen. Ich ärgere mich, dass ich die Schwangerschaft nicht so genießen kann, wie ich gerne würde. Ich mache mir Sorgen und Gedanken. Und merke dabei, wie ich oft wortwörtlich den Kopf hängen lasse.

Hebt eure Augen in die Höhe und seht!

Ich verstehe das als Aufforderung: Lasst den Kopf nicht hängen, schaut nicht nur nach unten und zu euren Sorgen und dem, worüber ihr euch ärgert. Schaut hoch, über den Tellerrand eurer sozialen Blase, in der ihr wohnt und lebt. Über den Tellerrand eurer Gefühle und Ängste. Hebt eure Augen in die Höhe und seht, wie gut es euch eigentlich geht, mit einem Dach über dem Kopf und genügend zu Essen. Haltet mal einen Moment inne und betrachtet euer Leben und eure Sorgen in Relation.

Die Aufforderung aus dem Jesajabuch richtet sich (damals und auch heute) an Menschen, die deprimiert sind oder resigniert haben. Der Text spricht zu starken Männern und Frauen, die sich erschöpft fühlen, die ausgelaugt sind nach einer anstrengenden, kräftezehrenden Phase. Und an Menschen in einer scheinbar ausweglosen Lebenssituation.

Hebt eure Augen in die Höhe und seht!

Was seht ihr? Hebt nicht nur die Augen, sondern schaut euch auch um: Was seht ihr? Welche Chancen und neuen Möglichkeiten seht ihr? Welche neuen Perspektiven könnt ihr erkennen? Auch wenn wir alle gerade eine wirklich schwierige Zeit durchmachen – welche ungeahnten Chancen bietet diese Situation vielleicht auch? Wozu haben wir plötzlich Zeit? Oder was stärkt uns in dieser Zeit? Erkennen wir an uns vielleicht ganz neue Fähigkeiten und Talente? Hebt eure Augen in die Höhe und seht!

Das heißt aber auch: Seht hin, wer gerade eure Hilfe und Unterstützung braucht. Seht nicht nur auf euer Leben, sondern auch auf das Leben und die Nöte und Ängste eurer Mitmenschen!

Hebt eure Augen in die Höhe und seht!

Nach dieser Aufforderung folgt direkt die Frage: Wer hat all dies geschaffen? Schaut hoch, denn da ist jemand, der größer und stärker und mächtiger ist als wir. Der die Welt geschaffen hat uns sie durchdringt. Nehmt euch selbst nicht zu wichtig. Es gibt da jemand viel Größeres über uns. Einer, der „die Enden der Welt geschaffen hat“, wie Jesaja es ausdrückt.

Der Predigttext schließt mit der Verheißung: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Ich finde, das ist so ein eindrückliches Bild. Haben Sie mal einen Adler oder einen anderen Greifvogel beobachtet? Wie sie scheinbar mühelos schweben und in den Winden gleiten? Gerade in der Enge des Kontaktverbotes ist dieses Versprechen so verlockend: Gott gibt dir neue Kraft, sodass du deine Flügel ausbreiten kannst und dich in die Lüfte emporschwingen kannst. So kannst du fliegen und die Welt von oben sehen. Leicht und unbeschwert.

Damit ist eine starke innere Haltung gemeint: Innerlich frei. Innerlich aufgerichtet. Auch in räumlicher Enge. Innerlich leicht und schwebend, auch wenn die Füße dabei fest auf dem Boden bleiben.

Jesaja ruft uns zu: Haltet durch! Gott gibt euch die Kraft, die ihr braucht. Gebt nicht auf! Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Denn es gibt viel zu sehen!

Amen.

Folge 5: Ostern fällt nicht aus!

Vor ein paar Tagen habe ich die Schlagzeile einer Zeitung gelesen. In großen Buchstaben stand dort: „Ostern, wie es immer war, fällt aus!“ Diese und ähnliche Schlagzeilen sind zurzeit auch in anderen Zeitungen oder Online zu lesen.

Bitte entschuldigen Sie meine Wortwahl – aber was für ein Quatsch! Was für ein Unsinn! Ostern fällt in diesem Jahr ganz sicher nicht aus. Ostern KANN gar nicht ausfallen! Genauso wenig wie Weihnachten einfach gestrichen werden könnte, nur weil es uns dieses Jahr nicht passt oder weil sich die Umstände geändert haben. Ostern ist mehr als Schokoladen-Eier, Familienfeiern und Tagesausflüge. Ostern hängt auch nicht am Gottesdienst am Ostersonntag.

Ja, Ostern ist in diesem Jahr anders als sonst. Ich persönlich bin traurig, dass wir keine Gottesdienste feiern können. Keine Gebetsnacht, kein Familiengottesdienst. Kein gemeinsames Singen von Osterliedern, keine Besuche von der Familie. Was wird bei Ihnen an Ostern anders sein als die Jahre davor? Wahrscheinlich wird Ostern für viele Menschen in diesem Jahr einsamer sein. Liebgewonnene Traditionen oder Familienrituale können nicht mehr so stattfinden wie bisher.

Für mich ist die Karwoche jedes Jahr eine ganz wichtige Zeit. Ich habe sie gerne so richtig „zelebriert“, sie miterlebt, mitgefühlt: Das gemeinsame Essen und Abendmahl am Gründonnerstag. Das Schweigen und den Gottesdienst am Karfreitag, an dem der Altar schwarz verhängt ist und man die drückende Stimmung richtig mitfühlen kann. Und dann: Ostersonntag, der Jubel, die Freude. Der Gottesdienst ist wie ein Fest! In diesem Jahr dürfen wir aufgrund der Corona-Pandemie keine Gottesdienste feiern. In diesem Jahr wird deshalb auch die Karwoche ganz anders aussehen. Aber ich finde, gerade jetzt, mitten in dieser chaotischen Zeit, kann es auch eine Chance sein, die Karwoche aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten:

Gründonnerstag findet zwar kein gemeinsames Abendmahl oder eine Fußwaschung in der Kirche statt. Aber es gibt momentan so viele, die täglich anderen Menschen die Füße waschen, die Beatmungsgeräte steuern und Tag und Nacht auf den Intensivstationen dieser Welt arbeiten. Es gibt viele, die auch weiterhin für uns das Brot backen, dass wir dann zuhause am Tisch (statt am Gründonnerstagstisch in der Kirche) essen können. Es gibt viele, die gerade jetzt Tag und Nacht für uns arbeiten – denken wir nur an all die Ärztinnen, Pfleger, Kassiererinnen, Bäcker usw.

Auch Karfreitag wird in dieser Zeit auf eine andere Art und Weise erfahrbar. Viele trauern gerade jetzt um geliebte Menschen, verpasste Chancen und geplante Ereignisse, die nicht stattfinden können. Viele Menschen machen gerade jetzt ihre eigenen Karfreitags-Erfahrungen. Isoliert in einem Krankenzimmer oder alleine und zutiefst einsam in der Wohnung.

Gerade in dieser Situation strahlt das Licht von Ostern umso heller. Gerade jetzt – inmitten von Angst und Unsicherheiten – kann uns die Osterbotschaft Kraft geben: Gott ist unser sicherer Halt. Er ist das Fundament unseres Lebens. Und dieses Fundament trägt uns, auch wenn um uns herum zurzeit vieles wackelt und einstürzt. Gerade jetzt, inmitten von Krankheit und Tod leuchtet die Hoffnung von Ostern besonders eindrücklich: Jesus ist auferstanden! Der Tod ist besiegt! Und das nicht nur einmal, sondern grundlegend – für immer. Was für eine Zuversicht, daran glauben zu dürfen, dass der Tod nicht das Ende ist. Dass es weitergeht, wie auch immer das ewige Leben aussehen mag. Was für ein Trost, zu wissen, dass Gott uns durch Krisen und Krankheiten hindurch trägt. Selbst im Tod lässt er uns nicht fallen, sondern trägt uns zu neuen Ufern.

Ostern fällt in diesem Jahr nicht aus! Im Gegenteil: Ostern hört nie auf, anzufangen. Ostern ist immer!

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer bringt – wie ich finde – die Bedeutung von Ostern für unser Leben auf den Punkt, wenn er schreibt: „Jesus Christus ist die Weite unseres Lebens. Jesus Christus ist die Mitte unserer Gemeinschaft. Jesus Christus ist bei uns bis an der Welt Ende. Das danken wir Ostern.“

Wir werden Ostern in diesem Jahr anders feiern müssen als bisher. Aber wir werden es feiern! In unserer Auferstehungskirche werden z.B. „Ostergottesdienste in der Tüte“ an einer langen Schnur im Mittelgang zum Mitnehmen hängen. Wir müssen jetzt einfach kreativ werden und umdenken. Gerade jetzt sollten wir den Sieg des Lebens über den Tod feiern!

Ich wünsche Ihnen – egal wo und wie Sie in diesem Jahr Ostern feiern – dass Sie es feiern! Denn: „Jesus Christus ist die Weite unseres Lebens. Jesus Christus ist die Mitte unserer Gemeinschaft. Jesus Christus ist bei uns bis an der Welt Ende. Das danken wir Ostern.“

Ich wünsche Ihnen ein frohes und ein gesegnetes Osterfest!

Folge 4: Karfreitag – im dunkelsten Dunkel

Welche Verluste haben Sie in Ihrem bisherigen Leben schon erlitten? Wen oder was haben Sie verloren? Es gibt viele verschiedene Arten von Verlusten, das müssen nicht immer Verluste geliebter Menschen sein, um die man trauert. Das können auch Freundschaften oder Beziehungen sein, die zerbrechen. Unerfüllte Träume, um die man ebenfalls trauert. Oder auch Lebensabschnitte, denen man hinterhertrauert und die so nie wiederkommen werden. Verluste bleiben keinem von uns erspart. Über manche Verluste kommt man gut hinweg, andere brauchen Zeit, um sie zu verarbeiten. Und wieder andere beschäftigen einen jeden Tag. Verluste können richtig weh tun, auch körperlich. Sie können uns ins dunkelste Dunkel führen.

Ins dunkelste Dunkel führt auch der Karfreitag. Der ebenfalls von Verlust und Trauer bestimmt ist. Jesus wird nach seinem Verrat durch Judas, seiner Gefangennahmen und Verurteilung ans Kreuz genagelt, wo er langsam und qualvoll verstirbt. In diesem Moment steht die Welt still. In diesem Moment endet etwas, das mit der Geburt Jesu begonnen hat: Jesu Leben auf dieser Erde endet. Qualvoll. Am Kreuz. „Mein Gott mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ schreit er fassungslos vor seinem Tod.

Die Bibel berichtet, dass Maria, die Mutter von Jesus, die ganze Zeit über am Kreuz steht und zuschaut. Man kann sich kaum vorstellen, wie furchtbar der Anblick und wie schmerzhaft der Verlust für seine Mutter gewesen ist. Sein eigenes Kind sterben zu sehen – kaum auszudenken! Karfreitag führt ins dunkelste Dunkel.

Die Jünger sind verwirrt, verleugnen Jesus und fliehen überall hin. Sie sind nun keine Einheit mehr, sondern überall einzeln verstreut. Ein paar bleiben hier, ein paar dort… Sie müssen mitansehen, wie ihr Hoffnungsträger am Kreuz stirbt. Es ist niederschmetternd und unglaublich traurig… Sie verlieren nicht nur Jesus, den sie liebevoll „Rabbi“, also ihren „Meister“ nennen. Sie verlieren auch ihre Hoffnung auf das Reich Gottes, auf den Wandel der Verhältnisse, auf eine bessere Zeit.

Wir Christen heute, wir schauen auf Karfreitag mit dem Blick von Ostern. Wir wissen von Jesu Auferstehung. So können wir gar nicht anders, als Karfreitag irgendwie doch schon im Licht oder aus der Perspektive von Ostern zu betrachten. Wir wissen, dass es ein gutes Ende geben wird, das das Leben siegt. Aber damals waren die Jünger und Maria am Boden zerstört. Sie haben nur den Tod gesehen, den Verlust gespürt. Für sie war damit alles zu einem Schlusspunkt gekommen. Aus und vorbei.

Wir als Christen dürfen aus der Osterhoffnung leben. Und trotzdem finde ich, dass auch der Karfreitag sein Recht haben darf und muss. Das dunkelste Dunkel darf nicht schon vom Osterlicht ausgeleuchtet werden. Nein, zwei Tage lang steht die Welt still, ist es pechschwarz. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt es im Glaubensbekenntnis. Erst am dritten Tag ändert sich alles. Und so dürfen auch wir trauern um unsere Verluste, z.B. von geliebten Menschen, die wir so sehr vermissen und denen wir noch viel zu sagen hätten. Sie fehlen uns und das schmerzt. Trauer hat auch ihren Platz. Trauer hat auch ihr Recht. Manchmal muss man das dunkelste Dunkel aushalten und nicht wegwischen.

In einem Gedicht von Andrea Schwarz heißt es: „Manchmal träume ich davon, dass ich nicht immer nur blühen muss […]“. Nicht immer nur blühen müssen. Nicht immer funktionieren und etwas schaffen, etwas leisten, etwas erreichen müssen. Dieses Gedicht spricht mir gerade am Karfreitag aus dem Herzen. Vor dem Gekreuzigten kann ich einfach ich sein. Mit meinen Abgründen, meinen Traurigkeiten, meinem dunkelsten Dunkel. Ich muss meine Dunkelheit nicht kaschieren. Mein Scheitern und meine Grenzen haben vor Gott ihren Raum. Wenn ich bete (und das wird mir immer an Karfreitag besonders deutlich), dann kann ich mir sicher sein, dass Gott meine Dunkelheit mitfühlt, weil er selbst durch das dunkelste Dunkel gegangen ist und weiß, wie sich Trauer, Verlust und Schmerz anfühlen. Weil er es selbst hautnah gespürt und erlebt hat.

Und dann sitze ich da. Im dunkelsten Dunkel und spüre es, dass da jemand mit mir in der Dunkelheit sitzt. Auch wenn ich nichts sehen kann, weil um mich herum alles schwarz ist. Und da sitzen wir dann – Gott und ich zusammen in der Dunkelheit. Und ich merke, wie es mich tröstet, nicht allein zu sein.

Trauer hat ihren Platz. Trauer hat ihr Recht. Manchmal muss man das dunkelste Dunkel aushalten und nicht wegwischen. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, dann bleibt da eine Lücke, die niemand sonst füllen kann. Der Verlust bleibt. Aber genau in dieser Lücke kann die Hoffnung wachsen, dass der oder die Verstorbene nun in ein neues Leben gerufen ist, auch wenn wir nicht genau wissen, wie dieses Leben wohl aussieht.

Ich wünsche uns – gerade an Karfreitag – dass wir unseren Frieden machen mit unserem Leben, zu dem Scheitern, Verluste und Dunkelheit dazugehören. Das aber gleichzeitig auch getragen ist von dem Vertrauen darauf, dass da einer ist, der uns hält in Zeit und Ewigkeit.

Amen.

Folge 3: Das Prinzip der Veränderung – Palmsonntag

Das Leben steht Kopf momentan. So vieles ist anders als vorher. Vor vier oder fünf Wochen sah unser Alltag noch komplett anders aus. So vieles hat sich seitdem verändert… Kontaktverbot, Homeoffice, keine Veranstaltungen und Gottesdienste. Geschlossene Läden, leere Städte. Dazu kommen noch die Sorgen um die Gesundheit und auch um die eigene Existenz. Denn neben der Angst vor dem Virus stehen auch Sorgen und Themen wie Kurzarbeit, mögliche Arbeitslosigkeit und drohende Insolvenz im Raum. So vieles ist momentan unsicher. Der Boden, unser bequemes Alltags-Fundament, schwankt und wackelt.

Was vermissen Sie gerade jetzt am meisten?

Auch wenn ich weiß, dass es mir im Grunde noch sehr gut geht – ich bin gesund und meine Existenz steht nicht auf dem Spiel – vermisse ich doch vieles momentan … Gerade in meinem Beruf als Pastorin merke ich zurzeit, was für eine tragende Rolle persönliche Kontakte und auch Berührungen spielen: Sich die Hände zu geben oder nach einer Beerdigung mein Beileid auszusprechen, dabei nah beieinander zu stehen und sich an den Händen zu halten. Ohne persönliche Gespräche, Berührungen, gemeinsames Singen und Beten fühlt sich mein Beruf für mich fast „blutleer“ an. Ich vermisse es, im Gottesdienst zusammen mit vielen Menschen und begleitet von den Klängen unserer Orgel zu singen. Ich vermisse es, Menschen mit meinen Händen zu segnen. Ich vermisse den hautnahen Kontakt.

Ja ich weiß, Leben ist Veränderung. Nichts bleibt, wie es war. Nichts kann man wirklich festhalten. Das Leben ist kostbar, zerbrechlich, schimmernd und zart wie eine Seifenblase. Schon Goethe schrieb: „Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein.“ Ja ich weiß, Leben ist Veränderung. Nichts bleibt, wie es war. Und doch ist die Lage momentan eine echte Herausforderung für uns alle.

Jetzt am Sonntag ist Palmsonntag. In einer Woche ist schon Ostern! Und in den Themen und Texten für diese Zeit so kurz vor Ostern spielt das Thema „Veränderung“ eine zentrale Rolle: Die Bibel berichtet am Palmsonntag davon, dass Jesus mit seinen Jüngern in die Stadt Jerusalem einzieht. Er reitet dabei auf einem Esel und das Volk bejubelt ihn lautstark von allen Seiten. Sie winken mit großen Palmzweigen und sind außer sich vor Freude. Nur kurze Zeit später schreit das Volk, dass ihn gestern noch bejubelt hat, „Kreuzige ihn!“. Sie verspotten ihn und wollen ihn unbedingt tot am Kreuz sehen. Und wieder einige Zeit später, nach seiner Auferstehung, staunen sie und können es kaum fassen. Jesus ist auferstanden und wahrhaft Gottes Sohn. Viele kommen in der Zeit danach zum Glauben und lassen sich taufen.

Allein an den so unterschiedlichen Namen und Bezeichnungen, die Jesus in dieser kurzen Zeit gegeben werden, wird die Veränderung ganz deutlich: Palmsonntag ist er noch der „Prophet Jesus“. Karfreitag wird er als „König der Juden“ verspottet. Und Ostersonntag ist er schließlich „der Lebende“, der auferstanden ist. Was für eine Veränderung innerhalb so kurzer Zeit. Was für ein Wechselbad der Gefühle, nicht nur für Jesus, sondern auch für seine Jünger. Palmsonntag stehen sie an seiner Seite. Karfreitag leugnen sie, auch nur irgendetwas mit ihm zu tun zu haben. Ostersonntag sind sie fassungslos vor Staunen und Freude und gründen kurz darauf die ersten Gemeinden.

Veränderung scheint so etwas wie ein Lebensprinzip, ein Gesetz zu sein. Und die Corona-Pandemie hat unser Leben, unsere Gesellschaft, unsere gesamte Welt vollkommen verändert.

Was mich in all dem hoffen lässt, sind wieder die uralten biblischen Texte: Die drückende Spannung und Dissonanz zwischen Palmsonntag und Karfreitag löst sich schließlich im DUR-Akkord von Ostersonntag auf. Die trübe Dunkelheit der Passionszeit mündet in das alles umfassende Osterlicht!Das Leben siegt. Das tut es immer. Darauf können wir hoffen. Veränderung gehört zum Leben dazu. Es gibt helle und es gibt dunkle Tage. Aber der letzte Tag wird ein heller sein! Meine Glaubenshoffnung wagt einen ungeheuren Satz: Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.

Ich glaube, Veränderung braucht Improvisation. Haben Sie mal Erfahrung mit Improvisationstheater gemacht? Da muss ein Schauspieler blitzschnell auf das, was ein anderer Schauspieler sagt, reagieren. Von einer Sekunde auf die andere ergeben sich neue Szenen und Handlungsstränge. Nichts ist vorhersehbar und genau daraus entstehen ungeahnte Wendungen. Wir können – wie ich finde – gerade jetzt viel davon lernen.

Ich glaube, Veränderung bietet auch Chancen. Neue Möglichkeiten, neue Wege, neue Erkenntnisse. Der Zukunftsforscher Matthias Horx geht sogar so weit, zu behaupten: „Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. […] Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?“

Wir können vor der momentanen gewaltigen, alle unsere Lebensbereiche betreffenden Veränderung nicht weglaufen. Wir können uns nicht wegducken oder verstecken. Wir alle müssen da jetzt irgendwie durch, mit ihr umgehen, auf sie reagieren.

Gerade als Christ, gerade im Blick auf Ostern dürfen wir aber die Kraft der Hoffnung nicht unterschätzen und auch die Kraft und Stärke unseres Gottes! Unser Gott führt durch den Jubel am Palmsonntag, über die Fassungslosigkeit des Kreuzes hin zum Licht der Auferstehung! Und genau dieses Licht können wir schon durchschimmern sehen. Gerade jetzt in diesem faden Alltagsgrau der Passionszeit und im trüben Wirrwarr der Unsicherheiten. Lasst uns genau hinsehen. Und lasst uns in der Vorahnung auf Ostern fest daran glauben:

Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.

Amen.

Folge 2: Hoffnung hamstern

Waren Sie in der letzten Zeit einkaufen? Vielleicht ging es Ihnen ja wie mir, immer wieder stand ich vor leeren Regalen. Es waren keine Spaghetti mehr da und auch keine Küchenrollen. Ein einzelnes Pesto stand einsam im Regal. In diesen Krisenzeiten scheint sich bei Vielen eine Art „Hamster-Mentalität“ zu zeigen. Ellbogen raus, Einkäufe rein. Hauptsache ich habe genügend Dosensuppen, Bockwürstchen und Toilettenpapier im Haus.

Die Psychologin Erin Leonard erklärt dieses Hamster-Verhalten so: Wenn Dinge unkontrollierbar scheinen und die Menschen sich hilflos fühlen, könne es helfen, loszugehen und eine Menge einzukaufen. Damit würden die Menschen das Gefühl haben, eine chaotische Situation unter Kontrolle zu haben.

Ja, das kann ich irgendwie nachvollziehen und auch wir zu Hause haben nun eine gewisse Grundversorgung im Haus. „Man weiß ja nie, was noch kommt und wie es weitergeht“, diesen Satz höre ich in dem Zusammenhang ständig. Aber brauchen wir nicht noch viel mehr als Toilettenpapier, Nudeln und Dosensuppen? Mehr als Nahrungsmittel? Brauchen wir in diesen Zeiten nicht auch etwas viel Existenzielleres?

Ich glaube, wir brauchen in diesen unsicheren Zeiten vor allem eins: Hoffnung. Statt Nudeln und H-Milch sollten wir vor allem Hoffnung hamstern!

Für Paulus ist das Thema „Hoffnung“ ganz zentral. Im Römerbrief schreibt er dazu: Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung. (Röm 15,13) Spannend finde ich an seiner Formulierung v.a. drei Aspekte:

  1. Gott wird ausdrücklich als „Gott der Hoffnung“ bezeichnet. Gott ist der Grund und der Quell und der Ursprung der Hoffnung.
  2. Paulus spricht davon, dass der Gott der Hoffnung uns mit Freude und Frieden erfüllt. Und das Verb, das dabei im Altgriechischen steht, bedeutet wortwörtlich: „ausfüllen“. Wie man z.B. einen Krug mit Wasser füllt.
  3. Wir werden von Gott mit Freude und Frieden ausgefüllt und erfüllt, damit wir reicher werden an Hoffnung. Und auch hier bedeutet das altgriechische Verb: „im Überfluss vorhanden sein“.

Was für ein schönes Bild, das Paulus da mit wenigen Worten erschafft! Hoffnung ist nicht irgendein Wort oder eine transzendente Idee, sondern ganz konkret mit uns verbunden. Unser Gott ist ein Gott der Hoffnung! Und dieser Gott füllt unser Innerstes mit Freude und Frieden, wie ein Krug mit Wasser bis zum obersten Rand gefüllt wird, damit wir Hoffnung im Überfluss haben. Freude, Frieden und Hoffnung können wir also ganz bewusst in uns tragen und ganz und gar von ihnen ausgefüllt und erfüllt sein.

Ja, wir müssen in diesen Zeiten auf vieles verzichten. Ja, unser Alltag ist komplett anders als vorher. Ja, wir sind verunsichert. Und trotzdem sollten wir gerade jetzt ganz bewusst Hoffnungsblicke sammeln und uns mit Hoffnung, Freude und Frieden ausfüllen lassen.

Was sind Ihre Hoffnungsblicke in dieser Zeit? Mir persönlich fallen da drei ein:

Ich sitze auf einer Bank, spüre die Sonne im Gesicht und höre in meiner Fantasie das Rauschen des Meeres. Fast ist es, als könnte ich die salzige Seeluft riechen.  

Hoffnungsblicke

Ich komme allein in unsere Kirche und das bunte Licht, das sich durch die Kirchenfenster bricht, strahlt mich an. Ich zünde ein Teelicht an und stelle es vorsichtig in den Sand, stehe im bunten Licht der Fenster und bete.

Hoffnungsblicke

Ich treffe mich mit meinen Freundinnen zum virtuellen Kaffeeklatsch bei Skype, jeder von uns sitzt mit einem Becher Kaffee vor dem Laptop, wir erzählen und lachen wie sonst auch, und mein Herz wird leicht.

Was sind Ihre Hoffnungsblicke?

Lasst uns versuchen, in der nächsten Zeit (trotz allem, was uns momentan verwirrt, traurig macht und auch beunruhigt) ganz bewusst „Hoffnung zu hamstern“. Lasst uns versuchen, mit offenen Augen für all das Wunderbare um uns herum, das sich so oft im scheinbar Unscheinbaren versteckt, durch die Welt zu gehen. Und lasst uns versuchen, dabei nicht müde zu werden, wie Hilde Domin schreibt:

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Amen.

Folge 1: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke

Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich durch das offene Fenster Vogelstimmen und spüre die Frühlingssonne schon etwas warm auf meinen Schultern. Ein ganz normaler Frühlingstag. Scheinbar. Und doch ist momentan alles anders. Verwirrend. Verunsichernd. Beängstigend.

Das Coronavirus hat uns alle, die ganze Welt, fest im Griff. Jeden Tag werden steigende Zahlen von Neu-Infizierten gemeldet, weltweit neue Todesopfer. Und die Fragen, wann wird es einen Impfstoff geben, wie wird das Ganze sich entwickeln und vor allem: Wie lange wird es noch dauern? Ich finde, die Ungewissheit ist fast das Schlimmste daran.

Habe ich das Coronavirus vor einigen Wochen noch gar nicht so wirklich ernst genommen, beschleicht mich jetzt doch ein ungutes Gefühl und ja, auch Angst, das kann ich nicht verleugnen. Ich mache mir Sorgen um ältere Menschen, die ich kenne, die mir ans Herz gewachsen sind und die oft Vorerkrankungen haben. Ich mache mir Sorgen um all die Geflüchteten in Griechenland oder an der türkischen Grenze, die in völlig überfüllten Flüchtlingslagern ausharren. Sowieso denke ich gerade jetzt an all die Menschen in Ländern mit unzureichender medizinischer Versorgung.

Manchmal kommt mir das Ganze vor, wie ein Katastrophenfilm. Vor einigen Jahren sind mein Mann und ich noch sorglos über die Ponte Vecchio in Florenz geschlendert, haben in einem Café am Marktplatz einen Cappuccino in der Sonne getrunken. Die heutigen Bilder aus Norditalien zeigen eine scheinbar völlig veränderte Welt. Überfüllte Krankenhäuser, Patienten auf den Fluren, menschenleere Straßen. Was ist nur mit der Welt passiert?

Wahrscheinlich geht es Ihnen genau wie mir: Wenn Sie in Ihren Kalender schauen, fehlt da etwas, das vorher (zumindest für mich) eine unglaublich große Rolle gespielt hat: Soziale Kontakte. Treffen mit Freunden. Alle abgesagt bis auf unbestimmt…Neue Termine zu vereinbaren traut man sich kaum noch. „Wir warten erstmal ab, schauen wie es sich entwickelt und machen dann einen neuen Termin aus“, diesen Satz habe ich in den letzten Tagen gefühlt einige Male pro Tag gehört und selbst gesprochen.

Alles, was vorher so selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr: Ein Kochabend mit Freunden, ein Treffen im Café mit der besten Freundin, Urlaub am Meer… Das mag zwar alles nach Luxusproblemen klingen, aber sie machen (wie ich finde) im Kern eins ganz deutlich: Wir Menschen sind nun mal soziale Wesen. Wir brauchen den Kontakt und Austausch mit anderen. Und so schön auch Telefonieren oder Skypen ist, es geht doch nichts über ein gemeinschaftliches Essen um einen Tisch herum.

Auch in der Bibel hat Gemeinschaft einen ganz zentralen Stellenwert. Denken wir an all die Treffen, in denen Jesus mit Menschen zusammen gegessen hat, erzählt hat, gebetet hat. Denken wir an das letzte Abendmahl. Alle 12 Jünger und Jesus versammelt an einem Tisch mit Brot und Wein. Wie sähe das wohl heute in Corona-Zeiten aus? Ein leerer Tisch ohne Essen. Das Bild von Da Vincis Darstellung vom letzten Abendmahl, auf dem nur noch ein leerer Tisch ohne Menschen zu sehen ist, geht momentan um die Welt.

In allen Gesprächen, die ich zurzeit führe, merke ich eine große Unsicherheit. Angst vielleicht auch, aber vor allem Unsicherheit. Und mich hat es sehr berührt, als unsere Gemeindesekretärin mir gestern erzählte, sie habe in unseren Schaukasten, ein Bild mit dem Spruch aus Psalm 46 „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“ gehängt. Dieser Spruch habe sie irgendwie nicht mehr losgelassen.

Zuversicht und Stärke. Beides brauchen wir gerade jetzt so dringend. Zuversicht in Zeiten der Unsicherheit. Zuversicht hat etwas mit Hoffnung zu tun. Hoffnung darauf, dass alles irgendwie gut werden wird. Dass Gott uns auch in dieser Krise nicht verlässt und uns stützt. In dem Wort Zuversicht steckt auch das Wort „Sicht“ drin. Etwas am Horizont sichten, erspähen. Ein gutes Ende, eine tröstende Perspektive.

Stärke, das ist es, was ich mir momentan wünsche. Gerade jetzt, wo ich manchmal doch leise in mir Angst spüre… Stärke, wenn ich schwach bin, verzweifelt bin, mich frage, wie das alles noch weitergehen wird. Wenn ich nicht stark sein kann, dann ist es für mich tröstend zu wissen, dass Gott meine Stärke ist und dass er für mich stark ist.

„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“. Diesen Satz werde ich mit durch die nächsten Tage und Wochen nehmen. Vielleicht wird dieser Zuspruch auch Sie durch die nächste Zeit begleiten.

Die Passage aus Psalm 46, die nach dem Spruch folgt, ist für mich erschreckend aktuell, auch wenn weit mehr als 2000 Jahre zwischen dem Psalm und unserem Leben heute liegen. Der Spruch geht weiter:

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.  Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.

Was für eine kraftvolle Aussage des Beters des 46. Psalms! Was für ein Gottvertrauen! Mich lässt der Satz nicht los: Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben.  Große Nöte haben uns wirklich getroffen. Uns alle. Weltweit.

Und deshalb wünsche ich uns, dass wir Gott gerade in diesen unsicheren Zeiten und in unserem plötzlich so veränderten Alltag als Zuversicht, Stärke und Hilfe wahrnehmen und spüren!

Mögen wir alle gesund und behütet bleiben.

Amen.

Hoffnungsblicke – Impulse zum Lesen und Hören

Ab sofort wird hier in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder ein neuer Podcast zu hören sein. Folge 11: Gesegnet Ein Wüstentag. Die Sterne funkeln noch am Himmel aber […]

Offene Kirche

Vorerst wird die Kirche auch weiterhin wochentags von 10-15 Uhr geöffnet sein. Wir wollen Ihnen damit die Möglichkeit zu stillem Gebet und dem Entzünden von Kerzen geben. Eine […]

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